| Die Modell AG |
"Great Eastern"
Es handelt sich um den Bausatz der Great Eastern, erschienen 1980 bei Revell, und seit etlichen Jahren nicht mehr erhältlich. Seit einiger Zeit habe ich vergeblich versucht, auf Modellbauausstellungen und diversen Modellbaubörsen noch mal einen solchen Bausatz zu ergattern; die Sucherei hat nun ein gutes Ende gefunden. Die Great Eastern ist für mich eines der außergewöhnlichsten Handelsschiffe die es gab und das gleich in mehrerer Hinsicht: Konstruiert von dem genialen britischen Schiffsbauer Brunel war die Great Eastern ihrer Zeit weit voraus, zu weit voraus, wie sich zeigte. Weder hatte man Erfahrung mit solch riesigen Schiffsrümpfen, was sich mit mangelhaftem Seeverhalten zeigte, noch verfügte man über einen passenden Antrieb: die Maschinenanlage erwies sich als sehr störungsanfällig. In Größe und Verdrängung wurde sie erst über 40 Jahre später 1901 von der Celtic übertroffen. Die GREAT EASTERN war mit ihrer Größe und der Kombination aller Antriebsarten die man damals kannte, nämlich Besegelung, Schaufelrädern und Antrieb mit einer archimedischen Kielschraube genauso gestaltet, wie sie der französische Science Fiction-Autor des 19. Jahrhunderts, Jules Verne, nicht besser hätte erfinden können – ein wahres Monstrum ähnlich wie beispielsweise denen in den Romanen "Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren" (mit dem U-Boot Nautilus und seinem Kapitän Nemo) oder "Robur, der Eroberer" erfunden und beschrieben, und es war das einzige Schiff, das, nach meiner Kenntnis, mit fünf Schornsteinen bestückt war. Der für die GREAT EASTERN ursprünglich vorgesehene Name Leviathan hätte da sogar besser gepasst. Und als Monstrum wurde dieses Schiff auch von der potenziellen Kundschaft, nämlich den zahlenden Passagieren, empfunden: Das Schiff erwies sich als finanzielles Desaster. Erst als sie 1865 zum Kabelleger umgebaut wurde, konnte die Great Eastern einigermaßen wirtschaftlich betrieben werden. Kommen wir aber zum Bausatz zurück. Die Great Eastern ist zum Bau als Kabelleger vorgesehen, d.h. der vierte Schornstein fehlt und das gesamte Equipment (Kabelbahnen, Dampfmaschinen, Bojen und diverse Winschen) zum Verlegen eines transatlantischen Seekabels ist im Baukasten enthalten. Mit wenigen Eingriffen können wir allerdings die Passagierschiffsversion bauen (siehe unter "Besondere Montagehinweise"). Und auch auf die möchte ich hier eingehen. Revell bietet das Modell in dem etwas merkwürdigen Maßstab 1/388 an (damit ist das Modell immerhin fast 55 cm lang), der aber dennoch recht interessant ist, passt er doch fast zu den Titanic- und Lusitania-Bausätzen der Maßstabsklasse 1/350. Der von Revell empfohlene Verkaufspreis bewegt sich bei knapp 40,-€, als "Nice Price" wird er allerdings durchgehend zum Preis von 19,90 € angeboten. Damit ist dieses Modell äußerst interessant und wir wollen einmal sehen, was er bietet. Äußeres Der Karton ist wieder mit dem ursprünglichen Gemälde versehen und zeigt die Great Eastern in voller Fahrt unter allen Segeln in der rauen See. Dem potenziellen Käufer werden gute Informationen mit der Verpackung zugänglich gemacht: Ein kurzer, geschichtlicher Abriss ist ebenso enthalten, wie umfangreiche Hinweise über das Modell (u.a. der Hinweis, dass mit diesem Bausatz die Great Eastern als Kabelleger gebaut werden kann), d.h. Anzahl der Teile, Ausstattungsmerkmale, benötigte Farben usw. Schön ist auch, dass auf der Kartonseite sechs Fotos eines Modells abgedruckt sind. Leider kann man nicht alle Details erkennen, da die Fotos durchgängig leicht unterbelichtet sind und die Druckqualität zu Wünschen übrig lässt (leicht unscharfer, bzw. grobkörniger Druck). Dennoch kann man einen guten Gesamteindruck des Modells gewinnen. Der Bausatz ist mit dem Revell-eigenen Schwierigkeitsgrad "Skill 5" (höchste Stufe, d.h. Modell mit über 150 Teilen "für höchste Ansprüche") eingestuft. Mit diesen Informationen ist man gut in der Lage, bei Unentschlossenheit eine Kaufentscheidung zu treffen. Der InhaltDie Bauteile sind durchgängig aus weißem Kunststoff hergestellt. Beigefügt ist weiterhin ein kompletter Satz Segel (aus Kunststofffolie zum Ausschneiden), ein Netz zum Ausschneiden von Wanten sowie maßstabsgerechte Ankerketten aus Metall. Die Bauteile sind in Folie eingeschweißt. Und das ist auch gut so, da einige, vor allem kleinere Bauteile von den Materialstegen abgebrochen waren und lose im Beutel herumfielen. Der Rumpf ist zweiteilig und sehr detailliert strukturiert: die Rumpfbeplattung ist maßstabsgerecht angemessen nachgebildet, sogar die innenliegenden Verstrebungen des Rumpfschanzkleides auf dem Oberdeck sind vorhanden. Lediglich die Nachbildung der Bullaugen ist ein wenig zu schwach geraten. Sehr pfiffig auch die Gestaltung des Modellständers: Das Modell ruht auf mehreren Stapeln von "Holzbohlen" – geschickt bemalt gewinnt man den Eindruck, die Great Eastern sei im Trockendock aufgebockt. Das Oberdeck ist sehr detailliert ausgeführt: Es besteht aus zwei Teilen und verfügt bereits über alle Aufbauten (Oberlichter mit durchbrochenen Fenstern und Deckshäusern mit aufgeprägten Fenstern und Türen); lediglich die Dächer müssen separat montiert werden. Angemessene Holzstruktur des Oberdecks. Auf dem oberen Teil der Schaufelradkästen ist eine Reling vorhanden. Für den Bau als Kabelleger ist eine recht umfangreiche Ausstattung beigefügt: Komplette Kabelbahnen, einige Dampfkessel, Kabelrollen, jede Menge Winschen, Bojen und Fässer. Die Qualität der Bauteile befriedigend. Es waren keine Bauteile verzogen; dennoch müssen viele Teile vor der Montage nachgearbeitet werden; die Passgenauigkeit ist akzeptabel. Die Bauanleitung Ist schon etwas in die Jahre gekommen. Hier erkennt man das Konzept der siebziger Jahre. Man verliert ein wenig die Übersicht, da in den Zeichnungen zu viele mehrsprachige Beschriftungen herumgeistern. So etwas kann man besser machen. Auch das aus frühen "Revell-Jahren" stammende unvermeidliche Klebeband, welches noch mit einer Wäscheklammer den frisch geklebten Rumpf fixiert, fehlt nicht. So eine Darstellung kann man heute nur noch beschmunzeln. Dennoch ist die Bauanleitung verständlich, und gravierende Mängel oder Fehler, über die ein ungeübter Anfänger stolpern könnte, habe ich nicht entdeckt. Als zusätzliche Hinweise enthält die Bauanleitung vier Symbole, die dann entsprechend immer wieder auftauchen: "Kleben", "Nicht kleben", "Anzahl der Arbeitsgänge" und "Wahlweise". Na ja, auch hier sind die aktuellere Bausätze aus dem Hause Revell besser geworden. Immerhin gibt es noch eine Reihe von Montagehinweisen, die man dem Käufer an den entscheidenden Stellen bei der Montage durchaus noch einmal vor Augen führen sollte. Wie gesagt: ein älteres Modell in Neuauflage! Besondere Montagehinweise Hier möchte ich besonders auf zwei Dinge eingehen: Zum Einen auf den Umbau von der Kabellegerversion in die Passagierschiffversion, und zum Anderen auf die Problematik der Nachbildung von Segeltuch im Modellbau. Fangen wir aber mit dem Umbau an. Zur schnelleren Übersicht habe ich eine Tabelle mit den Aktionen entworfen:
*Hinweis: Die Teile des vierten Schornsteins bei Revell nachbestellen (Kontaktadresse ist im Bauplan angegeben).
Die Oberlichter sind mit durchbrochenen Fenstern ausgeführt. Hier lohnt sich die Mühe, diese Öffnungen mit dünnem Plexiglas zu verglasen. Die Fenster der Aufbauten sind dagegen nur aufgeprägt. Diese Fenster können wir mit grauer Farbe hervorheben. Besonders schwierig gestaltet sich die Nachbildung der Segel. Diese sind aus starrer Kunststofffolie (beige, mattglänzend) zum Ausschneiden gefertigt. In diesem Zustand sollten wir sie nicht an unserem Modell anbringen. Prinzipiell gibt es zwei Methoden, um Segelstoff mit Farbe "optisch" nachzubilden: - Segel ausschneiden und mit beiger Farbe lackieren (Revell-Nr. 88, beige, matt). Gut trocknen lassen. Danach stellen wir eine Lösung aus sehr stark verdünnter grauer Farbe her (wässriges Aussehen!). Mit einem weichen Lappen wird diese Lösung nun unregelmäßig und fleckig auf die Segel aufgebracht. Trocknen lassen. - Wir bereiten drei Farben zur sofortigen Verwendung vor: Beige (Revell-Nr.88, matt), grau (Revell-Nr. 75, steingrau, matt) und braun (Revell-Nr.87, erdfarbe, matt). Wir lackieren zunächst ein Segel mit der beigen Grundfarbe. Direkt auf die nasse Farbe bringen wir nun mit zwei weiteren Pinsel unregelmäßig die graue und braune Farbe ein, die wir mit der nassen Grundfarbe vermischen (wir arbeiten ähnlich wie in der Ölmalerei). So verfahren wir mit jedem Segel nacheinander. Wichtig ist, dass alle Farben nass sind und sich gut miteinander vermischen lassen! Mit beiden Techniken ist es möglich, Segeltuch nachzubilden. Aber: beide Techniken setzen einige Übung voraus. Ich habe beide Methoden mehrfach erprobt und muss zugeben, dass mich kein Ergebnis wirklich überzeugt hat. Nur aus einiger Entfernung oder im schummrigen Licht sehen unsere Segel auch nach Segel aus. Daher mein Tipp: Wir lassen die Segel weg. Dabei erzielen wir den schönen Nebeneffekt, dass unser Modell nicht durch die Segel verdeckt wird und vollständig einzusehen ist. Eine weitere Herausforderung ist die Nachbildung der Takelage. Hier ist es schwierig die Grenze zu ziehen. Wie weit bilde ich die Takelage nach, wann höre ich auf? Der Bauplan bietet lediglich eine Grundlage mit der wichtigsten Ausstattung. Ich empfehle, sich die Takelage der entsprechenden Maste bei vergleichbaren Schiffen anzusehen und dann zu entscheiden, wie weit ich eine Nachbildung treiben möchte. Auch im Modellbau gilt der Grundsatz der "Angemessenheit": Ein "kahles" Modell mit wenig originalgetreuen Details wirkt genauso enttäuschend wie ein mit Details überladenes Modell. Auch ungeübte Betrachter haben hierfür durchaus ein treffsicheres Gespür. Wir sollten uns also von unserem Empfinden leiten lassen und einen vielleicht stark ausgeprägten Ehrgeiz, alles nachbilden zu wollen, im Zaum halten. Farbgebung, Bemalung Die Farbvorschläge von Revell sind im Allgemeinen authentisch und gut gewählt. Leider ist die Ausführung der Farbgebung im Bauplan etwas unglücklich geraten. Statt wie heute üblich am Beginn des Bauplanes eine mehrsprachige Tabelle der benötigten Farben und ihre dann im Bauplan verwendeten Kennziffern zu platzieren, wurde hier an jedem Teil die benötigte Farbe mit Nummer und in sechs Sprachen eingetragen. Die Übersicht geht fast völlig verloren. Hier merkt man das Alter des Bausatzes. Eine Überarbeitung hätte hier sehr gut getan. Ein echter Mangel ist allerdings, dass jeglicher Hinweis auf eine Bemalung der Segel fehlt. Das Anbringen dieser unlackierten Segelfolien beeinträchtigt unser Modell erheblich! Über die von der Bauanleitung vorgegebene farbliche Gestaltung kann natürlich nach eigenem Ermessen oder Recherchen punktuell abgewichen werden. Etwas aufwendiger sollten wir die Bemalung des Modellständers gestalten, der die Form von aufgestapelten Holzbalken hat. Mehrere Brauntöne miteinander vermischt, können wir sehr gut die Farbe von rohem Holz nachbilden. Abziehbilder Sind leider keine vorhanden. Fehlende Markierungen für den Tiefgang oder die Namenszüge fallen bei diesem Maßstab schon auf. Mir fällt auf Anhieb kein authentisches Foto ein, auf denen Markierungen oder Namenszüge zu sehen sind. Ich bin aber sicher, dass sie im Original vorhanden waren. Tipp: Wenigstens die Tiefenlote sollten wir anbringen. Hier kann man gut die Markierungen des Titanic-Bausatzes von Revell im Maßstab 1/400 verwenden. Wer diesen Bausatz hat, kann sich ein Satz Abziehbilder bei Revell gegen Rechnung nachbestellen. Abschließende Bewertung Insgesamt ist Revell mit diesem Modell ein guter Wurf gelungen. Zwar nicht mehr in allen Teilen auf dem neuesten Stand (Bauanleitung), aber dennoch lässt sich mit angemessenem Aufwand ein sehr repräsentatives Modell erstellen. Dieser Bausatz ist für Anfänger aber nur bedingt geeignet. Zwar lässt sich der Rohbau gut und problemlos bewältigen, allerdings setzen die Montage der Maste und die Nachbildung der Takelage einige Übung voraus. Die Lackierung erfordert ebenfalls einige Erfahrung, da bereits alle Aufbauten auf den Teilen des Oberdecks aufgebracht sind. Hier muss sehr sauber und sorgfältig gearbeitet werden. Und wirklich pfiffig ist die Idee, den Modellständer als Holzstapel auszuführen. Bei einem Angebotspreis von knapp 20,€ empfehle ich klar den Kauf. Verpackung (Noten 1 bis 6): Note 2- Hübsches Deckelbild. Die Verpackung ist mit zahlreichen Informationen für den Käufer ausgestattet. Kurzer, geschichtlicher Abriss, Ausstattungsmerkmale, Größe des Modells und einige Farbfotos (leider nur von mäßiger Qualität) sind vorhanden. Mit diesen Informationen ist der Kunde gut in der Lage, eine Kaufentscheidung zu fällen. Insgesamt ist der Karton aber etwas zu groß geraten, so dass die Bauteile (zwar in Folie eingeschweißt) zu viel Raum haben und daher in der Verpackung herumzufliegen. Manche Hersteller legen Pappstege oder ähnliches in den Karton, um genau das zu vermeiden. Bei unsachgemäßer Handhabung (Werfen, Hinabfallen oder senkrechtes Stellen) des Kartons ist die Gefahr groß, dass die Teile beschädigt werden. Und wie mit dem Karton umgegangen wurde, das ist nicht immer feststellbar. Bauteile (Noten 1 bis 6): Note 3Hier konnte ich keine gravierenden Mängel feststellen. Keine Bauteile waren verzogen. Dennoch müssen die meisten Teile vor der Montage bearbeitet werden. Die Passgenauigkeit ist vor dem Verkleben sowieso immer zu prüfen. Die Wanten sind gut zu verwenden, die beigelegte Folie für die Segel empfehle ich dagegen nicht zu verwenden. Das ist aber ein generelles Problem von Segelschiffmodellen. Und erst bei Großmodellen wirken genähte Segel aus richtigem Tuch echt – bei unserem Modell rate ich von diesem Aufwand ganz klar ab! Authentizität, Detailfülle (Noten 1 bis 6): Note 2-Hier ist klar ein "Gut" gerechtfertigt. Der Rumpf ist aufwendig strukturiert, selbst die Streben an der Innenseite des Schanzkleides sind vorhanden. Auch die Ausführung des Rettungsboot-Arrangements ist aufwendig gestaltet: Alle Boote sind ohne "Plane" ausgeführt, jeder einzelne Bootsdavit besitzt sogar Flaschenzüge. Und wer die Great Eastern lieber als Kabelleger bauen möchte, auf den wartet ebenfalls eine reichhaltige Zusatzausstattung: Von kleinen Dampfmaschinen (mit Kessel und Schornstein), offenen Kohlenbunkern auf dem Oberdeck, Holzfässern für das Kesselspeisewasser (und/oder Schmierfett für die Kabelbahnen?) bis zu sehr detaillierten technischen Einrichtungen für das Verlegen von Seekabel ist alles vorhanden. Die Great Eastern sollte in keiner Sammlung von Linern fehlen. Das älteste Passagierschiff, welches zur Zeit im Handel verfügbar ist, ist die Mauretania. Die Great Eastern reicht da jetzt noch fünfzig Jahre weiter zurück und gibt einen wunderbaren Einblick in die Schiffsbaukunst von Dampfern der Handelsflotten. Und nicht nur das: dieses Schiff wirkt in seinen Dimensionen und seiner Gesamtkonzeption wie ein Science Fiction-Produkt, welches von einem genialen Konstrukteur vor 150 Jahren erdacht und auch erbaut wurde. |