Die Modell AG
 

"Titanic"

Hersteller: Academy
Maßstab: 1:600

Nach allerlei Ausflügen in die Welt der unterschiedlichsten Bausätze von Passagierschiffen wollen wir uns endlich wieder einmal einen Bausatz "unserer" Titanic ansehen.

Im Sommer letzten Jahres wurde ich von verschiedenen Titanic-Freunden darauf aufmerksam gemacht, dass es nach Gerüchten wohl einen neuen Titanic-Bausatz im Maßstab 1:600 gäbe, und nach kurzer Suche im Internet wurde dieses Gerücht als Wahrheit bestätigt: Die Firma ACADEMY "Hobby model kits" brachte tatsächlich einen neuen Bausatz auf den Markt; im Internet übrigens hochgelobt als Ersatz für den nur sehr mäßigen und nicht mehr als zeitgemäß empfundenen aber dennoch am Markt beliebten REVELL-Bausatz im Maßstab 1:570. Höchste Zeit für uns also, diesen gefeierten Bausatz einmal unter die strenge Lupe zu nehmen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Dieser Bausatz ist nicht über den örtlichen Fachhandel erhältlich, sonder nur (über die verschiedenen Medien wie Internet, Fax oder Brief) im Ausland (USA oder Groß Britannien) zu bestellen. Ich habe mich wieder für den englischen Lieferanten "White ensign models" entschieden; der liefert relativ schnell, in jedem Fall zuverlässig. Lieferverzögerungen werden i.d.R. dem Kunden mitgeteilt. Dieser Servicelevel ist nicht in jedem Fall zu erwarten. Die Kontakte zu "White ensign models" nenne ich noch am Ende des Artikels. Nachteilig für den Kunden ist dieser Beschaffungsweg in jedem Fall, da man Ware bestellt, die man nicht vorher persönlich und unmittelbar vor dem Kauf begutachten kann. Wir kaufen also "die Katze im Sack"!

Der Preis für diesen Bausatz ist relativ happig: ca. 22,- £ (je nach Kurs ca. 37,- € oder ehemals 73,- DM) inklusive Versand sind bei "White ensign models" fällig; eine angebotene Paketversicherung schlägt gesondert zu Buche. Für diesen Maßstab ist das recht teuer, immerhin etwa doppelt so teuer, wie der vergleichbare REVELL-Bausatz, bzw. ähnlich teuer wie der REVELL-Bausatz der Titanic im repräsentativen Maßstab 1:400 ( Rezension im Navigator 3/1999)! Wir wollen nun sehen, ob sich diese Investition lohnt.

Äußeres

Die Verpackung ziert ein Gemälde, welches offensichtlich dem Stil von Ken Marschal entlehnt wurde, und zeigt die Titanic in voller Fahrt im stürmischen Nordatlantik; kleine Eisberge im Hintergrund inbegriffen. Auch dieses Gemälde ist, fast würde ich sagen, auch wieder, wie die meisten anderen Bilder, nicht geglückt: Der Bug ist deutlich zu schnittig geraten (im Stil der späten Zwanziger Jahre); die Schornsteine zu dünn. Damit wirkt die Titanic auf uns auch hier wenig vertraut und fremdartig.

An den Seiten des Kartons sind acht Fotos des fertigen Modells abgedruckt. Die verschiedenen Perspektiven und Detailaufnahmen des Modells verraten dem (nun leider nicht mehr potenziellen) Käufer einiges über den Inhalt. Viel mehr Informationen sind dem Karton nicht zu entlocken. Nur wegen der guten Fotos ist das Gesamt- erscheinungsbild daher gerade noch akzeptabel.

Der Inhalt

Dem Preis angemessen ist der Aufwand der Verpackung der Bauteile: Jeder Materialsteg ist einzeln in Beutel eingeschweißt, der Rumpf durch einen Pappsteg von den übrigen Teilen getrennt. Kein noch so kleines Bauteil ist lose oder fällt im Beutel herum. Beigelegt ist außer der Bauanleitung ein Hochglanzpapier, welches als Ergänzung zu der Bemalungsanleitung drei Farbfotos des  fertigen Modells in drei Lagen zeigt: Draufsicht, Backbord- und Steuerbordseite. Weitere Fotos auf zwei Pappstücken (ähnlich wie Postkarten). Sehr lobenswert. Ebenfalls beigelegt sind Abziehbilder, eine kleine Flaggentafel zum Ausschneiden, sowie eine Garnrolle. Das ist bei dem Preis ebenfalls zu erwarten!

Die Bauteile sind aus mehrfarbigen Kunststoff hergestellt: Rumpf und diverse Kleinteile schwarz, Aufbauten aller Art sind weiß, Decks in braun, Schornsteine in "Lufthansagelb" gehalten. Klarsichteile sind genauso verfügbar, wie goldfarbige Teile für den Modellständer. Auch dieser Aufwand ist preislich angemessen. Zwar müssen natürlich auch hier sämtliche Bauteile lackiert werden, aber da das Kunststoffmaterial bereits in der Grundfarbe hergestellt ist, deckt der Farbanstrich entsprechend leichter (besonders schmerzlich wird das für den Bastelfreund, wenn schwarze Rumpfteile, z.B. B- und C-Deckrumpfseiten eines Titanic-Modells, weiß gestrichen werden müssen. Meist deckt erst der zweite oder dritte Anstrich!), so dass eine Farbschicht meist ausreicht. Das stellt natürlich eine erhebliche Arbeitserleichterung dar!

Das Rumpfteil ist einteilig und reicht, und das ist hier einmalig, nur bis zum D-Deck hinauf! Die weißen Rumpfteile des C-Decks, wie das Forecastle-Deck und das Poopdeck achtern müssen, genauso separat montiert werden, wie die beiden Seitenteile des A-, B- und C-Decks in der Mitte des Schiffes.

Die Bauteile selbst sind von bestechender Qualität: keine Gussgrate, keine verzogenen Teile. Fenster und Türen sind selbst bei diesem Maßstab so detailliert ausgeführt, wie man es nur von den großen Modellen im Maßstab 1:350 voraussetzen kann.

Das Modell selbst ist mit Deckrelings versehen, die in diesem Maßstab aus fertigungstechnischen Gründen natürlich grob und etwas plump aussehen. Wen das stört, der lässt diese Teile einfach weg (in den meisten Fällen ist das problemlos möglich, da diese Teile bis auf wenige Ausnahmen separat zu montieren sind), oder ersetzt sie durch entsprechend erhältliche Messingteile in Foto-Ätz-Technik (Bezugsquellen nenne ich ebenfalls am Ende des Artikels).

Diese wirklich lobenswerten Eigenschaften des Modells werden allerdings durch gravierende Mängel in der Authenzität erheblich beeinträchtigt. Ich möchte hier nur die schlimmsten Mängel auflisten, ohne allerdings in allen Fällen eine Lösung anbieten zu können. Beginnen wir mit dem Rumpf und arbeiten uns dann langsam nach oben:

-          Der Rumpf selbst ist sauber und angemessen strukturiert, allerdings fehlen die Bullaugenreihen des D-Decks im Bereich des Speisesaales der Ersten Klasse. Hier ist einfach gar nichts vorhanden. Lösung: mühsam und extrem vorsichtig nachbohren! Nichts für Ungeübte!

-          Poopdeck achtern: die Dockbrücke ist mit zwei anstelle einem Niedergang ausgerüstet! Diese Symmetrie sieht zwar gut aus, hat mit dem realen Vorbild aber nichts gemein. Lösung: Backbordseitigen Niedergang einfach weglassen.

-          Die Seitenteile des A-, B- und C-Decks sind ebenfalls spiegelsymmetrisch gehalten. Die Fenster des A-la-Carte-Restaurants sind daher auch auf der Steuerbordseite an der Stelle vorhanden, wo sich das Cafe Parisienne befunden hat. Lösung: Eigentlich keine. Rechteckige Löcher in dieser winzigen Größe einzubringen halte ich für fast ausgeschlossen.

-          Das Teil C1 (Vordere Brückenfront, umfasst die Kommandobrücke und die Front des A- und B-Decks) ist völlig misslungen. Die Fenster der Kommandobrücke sind so klein geraten, dass sie eher zum Ruderhaus eines Panzerkreuzers passen würden, als zu einem Passagier-Liner. Unser Titanic-Modell wird mit diesem Teil total "verfremdet". Lösung: keine!

-          Das Arrangement der Wellin-Davits und der Rettungsboote ist aus getrennten Einzelteilen herzustellen. Soweit ganz gut. Aber: Die Rettungsboote sind erheblich (!) zu klein geraten und wirken auf dem Deck zwischen den Davits völlig deplaziert. Und die beiden Notfallboote "A" und "B" fehlen! Lösung: Keine!

-          Die vorderen Niedergänge hinter der Kommandobrücke herunter zum A-Deck sind mit einer Haube versehen (gab´s nur auf der Olympic). Dieser Mangel findet sich auch auf dem alten REVELL-Bausatz. Lösung: Haube entfernen und aus Abfallteilen eine kleine, geschlossene Reling anbringen.

-          Viele kleinere Fehler und Abweichungen vom Original kann ich hier gar nicht erwähnen. Nur als Beispiel für diese Kleinigkeiten will ich die Lüfterhuzen nennen, die auf den Gehäusesockeln der Ventilatormotoren sitzen: Die sind derart altertümlich gestaltet, dass sie eher zu einem Schiff, das in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gebaut wurde, passen würden, als zur Titanic.

Die Bauanleitung

umfasst 16 Seiten, die ordentlich mit Klammern zu einem Heftchen verbunden sind. Sie ist viersprachig gehalten (englisch, deutsch, französisch und, ich vermute, japanisch, und zwar in dieser Reihenfolge).  Der deutsche Teil entspricht sogar der neuen Rechtschreibreform (!) und ist flüssig zu lesen. Kurzer Geschichtsabriss (der allerdings einige krasse Fehlinformationen enthält; u.a. war die Titanic nur 265 m lang, dafür verfügte sie aber über eine Maschinengesamtleistung von 460.000 PS. Wahrhaft titanisch!) und "Allgemeine Montagehinweise" sind enthalten. Ansonsten stichpunktartige Hinweise in den einzelnen Montageabschnitten. Die Zeichnungen sind sehr gut verständlich und lassen wenig Wünsche offen. Auch hier das Fazit: durchaus dem Preis angemessen.

Besondere Montagehinweise

Kritisch wird es in der Baustufe 27. Das Modell wird nicht "schichtartig" (Deck auf Deck) aufgebaut, sondern in Blöcken. Diese Vorgehensweise ist prinzipiell konfliktbehaftet, da man oft erst am Ende von abgeschlossenen Montagestufen bei der Vereinigung von dann fertigen Teilen feststellt, ob sie zusammenpassen oder nicht! Die kompletten mittleren Aufbauten werden separat montiert und in der Baustufe 27 auf den Rumpf geklebt. Wird vor dieser Phase ungenau gearbeitet, kriegt man das nicht mehr passgenau auf dem Rumpf. Das Modell ist dann entscheidend optisch beeinträchtigt.

Tipp: Bei den Montagestufe 24 (Zusammenbau Boots- und A-Deck) und 25 (Anbringen der äußeren seitlichen Verkleidungen A-, B- und C-Deck) unbedingt wiederholt die Passfähigkeit mit dem Rumpf überprüfen, bevor der Kleber aushärtet, um nötigenfalls Korrekturen durchführen zu können!

Ansonsten sind während der Montage auf Grund mangelhafter Montagehinweise keine Schwierigkeiten zu erwarten.

Farbgebung, Bemalung

Die Hinweise zur Bemalung sind in dieser Preisklasse eindeutig zu dürftig! Zwar werden in jeder Baustufe allgemeine Hinweise zur Bemalung gegeben, aber auf Details wird nur unvollkommen eingegangen. Das eingangs erwähnte Beiblatt und die Kartonfotos bieten nur teilweise Ersatz.

In jedem Fall sollten die Fensterrahmen farblich hervor gehoben werden. Nicht alle Farbhinweise entsprechen auch dem Original! Eigene Recherche ist daher empfehlenswert.

Abziehbilder

Die beigefügten Abziehbilder sind etwas zu dürftig. Lediglich die Schriftzüge sind zu finden. Andere "Kleinigkeiten" wie die Tiefenlote oder die großen Warnschilder an der Reling des Poopdecks fehlen. Schade.

Abschließende Bewertung

Wir haben es hier mit einem sehr widersprüchlichen Bausatz zu tun. Einerseits ist der Qualität der Teile und die Ausstattung hervorragend. Andererseits ist das Modell in entscheidenden Teilen dem Gesamterscheinungsbild nach extrem mängelbehaftet. Der optische Wiedererkennungswert der Titanic leidet erheblich!

Bewertungspunkte

-          Verpackung (Noten 1 bis 6): Note 2-3

Missglücktes Deckelbild, aber dafür einigermaßen gute Informationen für den Käufer in Form von mehreren Modellfotos, aber nur wenigen Hinweisen.

-          Farbgebung (Noten 1 bis 6): Note 3 – 4

Leider keine durchgängigen Farbhinweise. Insbesondere fehlen Hinweise für die Bemalung von kleinen Details. Das beigefügte Blatt mit den farblichen Gesamtansichten sowie weitere Fotos des Modells bieten hier nur unzureichenden Ersatz. Hier gibt es Hersteller, die das deutlich besser machen (z.B. REVELL oder MINICRAFT)

-          Athenzität, Detailfülle (Noten 1 bis 6): Note 5

Das Modell weist bezüglich der Authenzität erhebliche Mängel auf, die sich nur sehr schwierig oder gar nicht beseitigen lassen. Der Gesamteindruck leidet erheblich. Dies ist dem hohen Preis nicht angemessen. Und an diesem Gesamteindruck ändern auch keine liebevollen Details (z.B. sichtbare Glaskuppeln der Erste-Klasse-Treppenhäuser unter den Oberlichtern) etwas. Die Modelldesigner müssen sich fragen lassen, welche Quellen sie ausgewertet haben, um dieses Modell zu entwickeln, oder ließen sie ihrer Fantasie allzu freien Lauf? Die Detailfülle ist dem Preis und dem Modellmaßstab entsprechend angemessen und daher als "gut" zu bewerten, unabhängig davon, wie authentisch die Details sind.

Fazit:

Kaufen oder nicht, das ist hier die Frage. Mit einer eindeutigen Beantwortung dieser Frage tue ich mich oft schwer. Das liegt aber daran, dass es meistens von einem Passagierschiff auch nur einen Modellbausatz gibt. Ich habe dann praktisch keine Wahl. Möchte ich eben die Mauretania als Modell haben, dann komme ich um einen Kauf nicht herum, unabhängig davon, ob mir der entsprechende Bausatz nun gefällt, oder nicht, weil es eben nur den einen Bausatz gibt.

Die Titanic gibt es nun in sechs verschiedenen Plastikbausätzen und in mindestens zwei Papierversionen  in verschiedenen Maßstäben und zu verschiedenen Preisen. Ich habe nun tatsächlich die Wahl.

Und deshalb hier eine klare Empfehlung: Ich rate von einem Kauf ab!

Dieses ACADEMY-Modell ist in entscheidenden Teilen derart mängelbehaftet, dass der Gesamteindruck stark leidet. Lediglich der unkundige Betrachter wähnt ein tolles Titanic-Modell vor seinen Augen. Zudem lassen sich die schlimmsten Mängel nur unter größten Mühen oder gar nicht beseitigen. Die Gefahr, dass unser Modell bei diesen Nachbesserungen irreparabel beschädigt wird, ist groß. Und das alles bei diesem hohen Preis! Die Euphorie im Internet über diesen Bausatz ist für mich nicht nachvollziehbar. Hier tut man den REVELL-Leuten einfach Unrecht.

Ich rate bei diesem Maßstab zum dem alten REVELL-Modell im Maßstab 1:570 zu greifen. Das weist zwar auch erhebliche Mängel auf, aber die lassen sich vergleichsweise einfach beseitigen: Die plumpe Reling kann man abschneiden und durch Messingteile ersetzen. Fehlende Fenster können einfach durch Abziehbilder, die es als Zubehör für diesen Bausatz bei "White ensign models" gibt, nachgebildet werden. Und REVELL liefert nötige Teile für Umbauten zum Spottpreis nach. Dabei kostet das REVELL-Modell auch nur die Hälfte. Bei einer Realisierung aller Umbauten und Ergänzungen des REVELL-Modells bewege ich mich immer noch innerhalb der Preisgrenze des ACADEMY-Modells, das dann immer noch alle Mängel hat. Mit dem adaptierten REVELL-Modell habe ich aber eindeutig das schönere, perfektere Modell.

Hier ist das ACADEMY-Modell und die Foto-Ätzteile zu haben:

Übers Internet: http://dspace.dial.pipex.com/white.ensign.models/

Postanschrift: Gardeners Cottage, Cowarne, Lower Eggleton, Ledbury, Herefordshire, HR8 2UF, United Kingdom

 

Wolfgang Skudlarek, Dezember 2001